Als Antwort auf ihr Interview mit Harry Neumann boten die Kinzigtal Nachrichten am 1. Oktober 2016 Hans-Josef Fell als Gegenstimme auf, Mitautor des verheerenden Erneuerbare-Energien-Gesetzes und global vernetzter Windwahnlobbyist (s.u. Leserbrief). Wir überlassen den Lesern die Beurteilung dieses Kabinettstücks grüner Wunschsichtspropaganda:

„Windkraftgegner eher eine Minderheit im Land“

Hans-Josef Fell, Mitautor des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, über die Energiewende

Vor zwei Wochen hat Harry Neumann, Bundes- und Landesvorsitzender Hessen des Vereins Naturschutzinitiative, in einem Interview mit unserer Zeitung ausführlich seine windkraftkritische Haltung dargelegt (KN vom 15. September, S. 9). Jetzt antwortet ihm ebenso leidenschaftlich Hans-Josef Fell, der einst den Entwurf für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mitverfasst hat.


Der 64-Jährige war von 1998 bis 2013 Bundestagsabgeordneter der Grünen. Wegen der schlechten Wahlergebnisse seiner Partei gelang ihm 2013 nicht mehr der Einzug in den Bundestag. Im Online-Lexikon Wikipedia heißt es, dass Fell neben dem SPD-Abgeordneten Hermann Scheer der „Vater“ des EEG sei. Außerdem sei er mitverantwortlich für gesetzliche Regelungen und politische Initiativen zur Förderung von Biokraftstoffen.
Seit 2014 ist der dreifache Familienvater Präsident der Energy Watch Group, nach eigener Aussage „ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Parlamentariern zur Untersuchung der Verfügbarkeit und Verknappung fossiler und atomarer Energieressourcen und für die Untersuchung der Ausbaumöglichkeiten erneuerbarer Energien“. Fell lebt mit seiner Familie in Hammelburg im unterfränkischen Landkreis Bad Kissingen.
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Wer die Aussagen von Herrn Neumann im Interview mit unserer Zeitung liest, der könnte glauben, Windkraft sei Teufelswerk. Wie beurteilen Sie seine Ausführungen grundsätzlich?
Herr Neumann hat nicht verstanden, dass die Natur durch die Klimaveränderung bereits massiv zerstört wird. Zum Beispiel ist sie eine der Hauptursachen für den Artenschwund auf der Erde. Solar- und Windkraft sind deswegen kein Teufelswerk, sondern ein unverzichtbarer Beitrag für den Klimaschutz.
Wenn es stimmt, dass die Windkraft im Moment nur 1,6 Prozent unseres Energiebedarfs deckt, könnte man tatsächlich Herrn Neumanns Position zustimmen, dass der Nutzen, den die Windkraft bringt, die Zerstörung der Natur nicht rechtfertigen kann …
Insgesamt tragen die erneuerbaren Energien in Deutschland schon zu zwölf Prozent der Energiebereitstellung bei. Die restlichen 88 Prozent kommen aus Erdöl, Kohle, Erdgas und Uran, die klimaschädlich und naturzerstörend sind. Sie heizen die Erdtemperatur an, durch den Rohstoffabbau kommt es zu großflächigen Abholzungen (zum Beispiel Ölsande in Kanada, Erdölförderung in Ecuador, großflächiger Kohletagebau, Uranabbau in Kanada/USA/Tschad/Kasachstan), Wasser wird verseucht sowohl durch den Abbau als auch durch die Entsorgung giftiger Abwässer. Hinzu kommt die giftige Abluft aus fossil betriebenen Verbrennungsmotoren und Kraftwerken. Für die Windkraftnutzung werden keine ganzen Wälder abgeholzt wie für den Abbau von fossilen Rohstoffen, sondern allerhöchsten einzelne Bäume, was nicht als Zerstörung der Natur bezeichnet werden kann. Wie Herr Neumann die Naturzerstörung durch den Abbau von fossilen und atomaren Rohstoffen ohne Windkraft beenden will, bleibt sein Rätsel.
Trotz 26.000 Windkraftanlagen in Deutschland sei der Ausstoß an Kohlendioxid (CO₂) nicht gesunken, sondern sogar gestiegen und werde weiter steigen, sagt Herr Neumann. Stimmt das? Woran liegt das?
In Deutschland wurden seit 1990 bis 2013 etwa 297 Millionen Tonnen CO₂ eingespart. Dieser 25-prozentige Rückgang geht zur einen Hälfte auf den Strukturwandel in Ostdeutschland nach der Wende zurück, die andere Hälfte auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Windkraft trägt dazu etwa ein gutes Drittel bei.
Herr Neumann sagt, Strom könne nicht in ausreichender Menge gespeichert werden. Wie ist da die technische Entwicklung?
Die Speicherfrage ist längst gelöst, im Markt beginnen umfangreiche Investitionen in Batterien, Power to Gas, Power to Heat und andere. Die Lösungen sind da, vor allem Batterien werden in den nächsten Jahren noch einen massiven Preiseverfall erfahren. Selbstverständlich kann Strom in Zukunft in ausreichenden Mengen gespeichert werden.
Halten Sie ebenfalls eine Energieversorgung ohne fossile Energieträger derzeit für illusorisch?
Noch nie hat es große Veränderungen in der Gesellschaft von einem Tag auf den anderen gegeben. Die Ablösung des fossilen/atomaren Energiesystems durch 100 Prozent erneuerbare Energien ist eine Aufgabe für Jahrzehnte. Im zurückliegenden Jahrzehnt wurden die Techniken in die industrielle Massenfertigung gebracht und damit billig gemacht. Jetzt gilt es, im kommenden Jahrzehnt die Durchdringung mit 100 Prozent erneuerbaren Energien zu organisieren. Dies ist nicht illusorisch, sondern wird aus ökonomischen Gründen sowieso kommen, da Solar- und Windstrom heute die billigste Art der Stromerzeugung sind und in den kommenden Jahren sogar noch billiger werden.
Herr Neumann preist Blockheizkraftwerke (BHKW) und effiziente Gaskraftwerke als Alternative zur Windkraft an. Was halten Sie davon?
Zunächst kritisiert Herr Neumann die Windkraft, als würde sie nichts zum Klimaschutz beitragen, dann plädiert er für Gaskraftwerke, die aber mit fossilen Erdgas betrieben, die CO₂-Emissionen sogar erhöhen. BHKWs und effiziente Gaskraftwerke mit Biogas und Power to Gas sind sinnvoll und werden wir benötigen. Power to Gas wird vor allem aus Windstrom in Zeiten erzeugt, wenn wir ihn im Überfluss haben.
Besonders hart geht Herr Neumann mit der Windkraftnutzung in Waldgebieten ins Gericht, weil hier die Zerstörung besonders groß sei. Was halten Sie von dieser Position?
Für Windräder in Waldgebieten muss man nur wenige Bäume roden. Das Waldgebiet selbst bleibt weitgehend erhalten. Windräder dienen also durch Vermeidung fossiler Rohstoffe und als Beitrag zum Klimaschutz auch dem Erhalt der Wälder auf der Erde.
Herr Neumann spricht von 10000 bis 12000 getöteten Mäusebussarden und 1000 bis 1200 getöteten Gabelweihen pro Jahr durch Windräder. Da wundert es doch nicht, dass einem Naturschützer Zweifel an der Windkraft kommen, oder?
Totfunde in dieser Größenordnung gab es nie unter Windrädern. Die von Herrn Neumann genannten Zahlen sind wissenschaftlich höchst anzweifelbar. Tatsache ist, dass es 1997 etwa 2500 Windkraftanlagen in Deutschland gab und etwa 2000 wandernde mitteleuropäische Rotmilane. 2012 gab es bereits 23000 Windkraftanlagen, aber etwa 12000 wandernde Rotmilane. Somit ist klar: Mit dem Ausbau der Windenergie hat die Population der Rotmilane (und Uhu, Schwarzstorch, Seeadler und anderen als windsensibel geltende Vogelarten) sogar zugenommen. Ähnliches gilt für Bussard und Gabelweihe. Hauptursache für den Vogelartenschwund ist die Erderwärmung, zu deren Bekämpfung wir die Nullemissionstechnik der Windkraft benötigen.
In einer US-Untersuchung wurde der Vogeltod durch die Giftstoffe aus den Schornsteinen der Kohlekraftwerke auf etwa 79000 pro Jahr geschätzt, der durch Windräder aber nur im Mittel auf etwa 2000. Durch die Umstellung der Stromversorgung auf Windkraft werden also andere Vogeltodursachen erfolgreich beseitigt.
Wie stehen Sie zu der Kritik, Windkraftanlagen würden die Landschaft(sästhetik) zerstören? Herr Neumann spricht davon, dass zwei Prozent (Vorrangfläche für Windkraft) 100 Prozent der Landschaft beeinträchtigen würden. Kann man das so gegeneinander aufrechnen?
Ich kenne viele Menschen, die Windräder in der Landschaft schön finden. Das ist eine Frage der Ästhetik, über die man streiten kann. Klar ist: Windräder kann man nicht verstecken, sie haben aber niemals eine landschaftszerstörende Wirkung wie zum Beispiel die Braunkohle; in der Lausitz wurden schon über 100 Sorben-Dörfer durch Bagger dem Erdboden gleich gemacht. Die Kirchen sind verschwunden, die lieblichen Bäche der Umgebung, die Wälder und Wiesen. So etwas wird ein Windpark nie schaffen, im Gegenteil, die Windkraft wird benötigt, um die großflächige Landschafts- und Heimatzerstörung durch die Braunkohlebagger endlich zu stoppen.
Was halten Sie von der bayrischen 10-H-Regel, nach der der Abstand zwischen Anlagen und Wohnbebauung die zehnfache Höhe der Windräder betragen muss? Kann diese Regel nicht beide Seiten ein wenig miteinander versöhnen?
Seit Januar 2016 gibt es in Bayern keinen einzigen Antrag mehr auf ein neues Windrad. Die 10-H-Regel hat also den Ausbau gestoppt und damit auch den Klimaschutz. Von einer Versöhnung kann keine Rede sein.
Sie haben am Erneuerbaren Energien-Gesetz (EEG) mitgeschrieben. Herr Neumann sieht darin allerdings nur „ein reines Subventionsmodell für die Windlobby“. Was sagen Sie dazu?
Das EEG bietet die Grundlage, dass wirtschaftliche Tätigkeit mit Renditeerwartung für Solarenergie, Wind, Wasser, Geothermie und Bioenergien erst möglich sind. Es ist kein Subventionsmodell für die Windlobby, sondern schafft erst die wirtschaftlichen Grundlagen, sodass Stromerzeugung auch ohne Atommüll und ohne Klimagasemissionen überhaupt wettbewerbsfähig wird.
Können Sie konkret etwas zu dem Bestand an Windkraftanlagen und den Plänen für weitere Anlagen im Stadtgebiet von Schlüchtern sagen? Haben Sie eine Meinung dazu?
Mit den Plänen konnte ich mich im Detail noch nicht beschäftigen. Ich weiß nur von den Windkraftplanern in allen anderen Genehmigungsfragen, dass den berechtigten Anliegen der Anwohner (Schutz vor Lärm, Schattenwurf und Infraschall) Rechnung getragen werden. Dies wird auch in Schlüchtern nicht anders sei. Ansonsten würde die Genehmigung ja versagt.
Bei der Genehmigung von Windparks spricht Herr Neumann von einer „neuen Ermöglichungsgesellschaft“, die alle Vorhaben schon irgendwie genehmigungsfähig machen würde. Was sagen Sie zu diesen fundamentalen Zweifeln an der Genehmigungspraxis?
Wer das Genehmigungsverfahren eines Windparks schon einmal im Detail verfolgt hat, der wird begreifen, welch hohe Auflagen (Naturschutz, Anwohnerschutz, Landschaftsschutz) erfüllt werden müssen. Alleine zur Erlangung der Genehmigung sind mehr als 100000 Euro an Planungskosten und naturschutzfachlichen Erhebungen aufzuwenden. Die Hürden sind sehr hoch und viele Anträge scheitern.
Wenn man sieht, wie energisch sich Bürgerinitiativen (BIs) allerorten gegen Windkraft wehren, sollte man dann nicht einfach den großflächigen Ausbau abblasen?
Der energische Widerstand von BIs gegen Windkraft ist sehr laut und öffentlichkeitswirksam. Er überdeckt aber die tatsächliche große Akzeptanz für den Ausbau in Deutschland. -Erst vor wenigen Tagen hat eine neueste Umfrage wieder bestätigt, dass 52 Prozent der Bundesbürger dem Ausbau der Windkraft zustimmen und bezeichnenderweise sogar 69 Prozent der Bürger, die bereits Windkraft in ihrer Umgebung haben. DieWindkraftgegner sind also eher eine Minderheit in Deutschland.
Warum sollten wir an der Windkraft festhalten? Grundsätzlich, aber auch in Schlüchtern.
Wenn sich alle Kommunen in Deutschland so verweigern, wie es Herr Neumann für Schlüchtern fordert, kann es weder den Atomausstieg noch Klimaschutz geben. Auch in Schlüchtern muss ein nennenswerter Beitrag, zum Beispiel mit dem Ausbau der Windkraft erbracht werden, den es heute noch nicht ausreichend gibt.
Ist Ihnen noch etwas wichtig zu sagen?
Wer den Ausbau der Windenergie in Schlüchtern und anderswo bekämpft, treibt die Menschheit schneller in den Hitzetod der Erderwärmung. „Erneuerbare Energien sind die Überlebensstrategie der Menschheit“, so der bekannte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar vom WDR. ag

 Leserbrief Kinzigtal Nachrichten 12. Oktober 2016:

Eine bizarre Windkraftdebatte tobt hier, in der es nicht um die Energiewende geht, sondern darum, wer Recht hat? Jüngst inszeniert als Stierkampf à la Bergwinkel mit Harry Neumann und Hans-Josef Fell als Matadoren. Von der KN-Redaktion sekundiert gaben die Kontrahenten jeweils ein Mix aus Dichtung und Unklarheit zu Protokoll. Während Neumann Unheil wittert, etwa den avifaunistischen Massentod durch Windkraft, überraschte Fell durch Schlaumeierei und Halbwahrheiten.
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Fell, 15 Jahre im Bundestag, zuletzt als energiepolitischer Sprecher der Grünen, fiel 2013 der Nach-Fukushima-Flaute zum Opfer und heuerte als Senior Advisor bei DWR eco GmbH, Berlin, an, eine laut Selbstdarstellung „führende Agentur für strategische Kommunikation, politische Positionierung und Entwicklung von neuen Geschäftsfeldern im Cleantech-Bereich.“ Sein dortiges Profil: „Als Autor des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) legte er den Grundstein für die weltweit beachtete deutsche Energiewende… Durch seine Expertise ist er ein international gefragter Redner auf Tagungen und Konferenzen zu energiepolitischen Themen.“ Der Ex-Studienrat mit steiler politischer Karriere, nunmehr als Lobbyist zwischen dem Nord- und Südpol unterwegs, soeben auf Zwischenstopp in Schlüchtern, um die von TurboWind GmbH beantragte Waldrodung von rund 6,5 Hektar zu verharmlosen: „Für Windräder in Waldgebieten“, so Fell, „muss man nur wenige Bäume fällen.“ Wie bitte? „Das Waldgebiet selbst bleibt weitgehend erhalten“, versucht Fell den Kahlschlag schönzureden und glänzt als strategischer Kommunikator, wenn er uns sogleich vorrechnet: „Alleine zur Erlangung der Genehmigung (des Windparks) sind mehr als 100000 Euro an Planungskosten…aufzuwenden.“
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In Breitenbach geht es um ein Investment von circa 50 Millionen Euro, sodass laut Fell für Planung rund 0,2 Prozent anfielen. Da würde jeder Häuslebauer neidvoll dreinblicken, denn unter 5 bis 7 Prozent Honorar rührt kein Planer den Finger. „In Berlin und Brüssel sitzen wir direkt am politischen Geschehen und am Puls der Zeit“, lautet die Botschaft der Agentur, bei der sich Fell verdingt. In der Korruptionsforschung gibt es dafür den Begriff der „politischen Landschaftspflege“.
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A. B.